Wenn plötzlich alle anders ist

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von Nicole Beste-Fopma

Es sollte ein entspanntes Wochenende mit der ganzen Familie werden – Großeltern, Eltern, Kinder – und endete für den Großvater in der Psychiatrie und die Großmutter im Pflegeheim.

„Es war wie in einem bösen Traum. Das Problem ist nur, dass er noch immer andauert.“, berichtet Volker Kunkel*. Dem Mitarbeiter eines großen Konzerns steht der Schreck noch immer ins Gesicht geschrieben. „Alles war ganz harmonisch, bis mein Schwiegervater plötzlich das Haus verlies und für ungewöhnlich lange Zeit nicht mehr zurück kam.“, schildert Kunkel die Vorkommnisse des Sonntagabends. „Uns alle beschlich ein ungutes Gefühl. Weil wir Angst hatten, dass er sich etwas antun würde, machten wir uns auf die Suche nach ihm und schalteten zusätzlich die Polizei ein.“ Nicht zu unrecht, wie sich rausstellen sollte.

Die Enkel fanden ihren Großvater nahe der Bahnschienen. Er wollte seinem Leben ein Ende zu setzen. Sie konnten ihn gerade noch aufhalten. Aber der Schock sitzt tief. Bei den Enkeln. Bei der Tochter, bei der Ehefrau, aber auch dem Schwiegersohn.

Wenn jemand versucht, sich umzubringen, ist die Polizei dazu verpflichtet, ihn für mindestens eine Nacht zur Beobachtung in eine Psychiatrie zu bringen. So das Gesetz. Aber auch wenn Kunkels Schwiegervater nicht in die Psychiatrie eingewiesen worden wäre, war spätestens jetzt klar, dass er mit der Betreuung seiner pflegebedürftigen Ehefrau maßlos überfordert war. An „business as usual“ war an diesem Montag nicht zu denken. Zwar war Kunkel im Büro anwesend, aber im Vordergrund stand jetzt erst mal die Organisation der Familie. Die Schwiegermutter musste untergebracht werden. Wie sollte es mit dem Schwiegervater weiter gehen? Brauchen die Kinder Begleitung, um den Vorfall zu verarbeiten?

„Dieser Vorfall ist keine Seltenheit,“ weiß Johannes Winklmair, Fachleiter der Pflegeberatung und Psychosoziale Beratung bei famPLUS. „Nicht immer versucht sich ein Familienangehöriger das Leben zu nehmen, aber wir haben täglich mit überlasteten pflegenden Angehörigen zu tun. Sei es die überlastete Mutter, die zusammenbricht und ins Krankenhaus muss oder der überlastete Partner, der kurz vor einem Burnout steht.“ Noch ist das Thema Pflege ein Tabuthema – in den Unternehmen aber auch in unserer Gesellschaft. Noch meinen viele, dass sie das „schon schaffen“. Aber eine Pflegesituation ist immer belastend und bringt fast jeden an seine Grenzen. Wer pflegt, leidet nicht nur unter dem oftmals damit verbundenen Schlafentzug, auch die emotionale Belastung ist nicht zu unterschätzen. Besonders belastend ist es auch dann, wenn die Eltern viele hunderte von Kilometern entfernt wohnen und/oder die Hilfe nicht zulassen. „Je früher diese Angehörigen unsere Beratung für sich in Anspruch nehmen, desto besser,“ so Winklmair.

Es ist aber nie zu spät, sich Hilfe zu holen. „In diesem konkreten Fall brauchte Herr Kunkel Unterstützung in zwei Bereichen. Zum einen braucht er eine Pflegeberatung. Zum anderen aber auch das offene Ohr eines verständnisvollen Zuhörers. Beides bieten wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Kunden,“ so Winklmair.

In der Pflegeberatung begleitet famPLUS Betroffene bis sechs Monate und hilft bei der Suche nach praktischer Unterstützung – von der Suche nach einem Besuchsdienst, der stundenweise die Betreuung übernimmt, bis hin zu einer 24-Stunden-Pflege, die mit im Haus oder der Wohnung wohnt. „Die Suche nach einem Pflegedienst oder einer Pflegeeinrichtung in der Nähe der Eltern ist sehr zeitaufwendig. Das neben dem beruflichen Alltag zu erledigen, fast unmöglich“, erklärt Winklmair. Aber auch, wenn es um die Finanzierung geht, beraten die Experten von famPLUS.

Die Psychosoziale Beratung findet in aller Regel telefonisch statt. Angeboten werden bis zu sechs intensive Telefonsitzungen, Entlastung und Stabilisierung stehen hierbei im Vordergrund. Zudem wird versucht, mit dem oder der Betroffenen in einem Coaching Lösungen zu finden. Sind die Probleme so gravierend, dass die Telefonsitzungen nicht ausreichen, suchen die Berater von famPLUS für die Betroffenen eine Beratungsstelle oder Therapeuten vor Ort.

Sowohl die Kosten für die Pflegeberatung als auch die für die Psychosoziale Beratung werden vom Arbeitgeber übernommen.

Im Fall Kunkel ist alles gut gegangen. Der Schwiegervater und die Schwiegermutter wohnen jetzt in einem Seniorenhaus, das betreuten Wohnen anbietet. Hier erhält der Schwiegervater Unterstützung bei der Pflege und wird auch selber betreut. Alle anderen Beteiligten haben den Schock gut verdaut und sind froh, dass es gerade noch mal gut gegangen ist


Erscheinungsdatum: 16.10.2017