„Pflegenotstand in Deutschland“

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Marcus Jogerst

von Nicole Beste-Fopma

„Eigentlich haben wir einen der schönsten Berufe der Welt. Wir dürfen Menschen begleiten in Freud und Leid, aber auch in Schmerz und Not. Das ist eine große Verantwortung und zugleich eine bereichernde Erfahrung.“, davon ist Marcus Jogerst, stellvertretender Vorsitzender „Pflege in Bewegung e.V.“ sowie Geschäftsführer und Häuserleitung des Seniorenhauses Renchen, überzeugt.

„Allerdings“, beklagt er, „ sorgt die Politik dafür, dass Pflegekräfte sich selbst ausbeuten, wenn sie ihren Beruf gut ausfüllen wollen.“ Aus diesem Grund hat er im September 2016 mit anderen „Pflege in Bewegung“ gegründet. Eine Initiative, die auf die Aktivitäten bei „Pflege am Boden“ zurückgeht.

Dass die Pflege in Deutschland am Boden liegt, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Dem ver.di-Personalcheck 2013 zufolge werden allein in Deutschlands Krankenhäusern 70.000 weitere Pflegekräfte benötigt. In den Pflegeheimen sind Erkenntnissen der Agentur für Arbeit zufolge 19.000 sozialversicherungspflichtige Stellen unbesetzt.

Besonders hart getroffen hat sowohl die Krankenhäuser als auch die Pflege- und Wohnheime und ambulanten Pflegedienste der Wegfall der Zivildienstleistenden. Die Einführung des freiwilligen sozialen Jahres konnte hier keinen Ausgleich schaffen. Auch müssen in keinem anderen europäischen Land im Durchschnitt mehr Patientinnen und Patienten von einer Pflegekraft versorgt werden. Kommen auf eine Pflegekraft in den Niederlanden 7 Pflegebedürftige und in Norwegen sogar nur 5,4, sind es in Deutschland 13.

Dieser hohe Personalschlüssel und die Tatsache, dass in vielen Pflegeheimen Menschen mit mehrfachem Pflegebedarf sowie Demenzkranke gleichzeitig betreut werden, führt zu einer kontinuierlichen Überlastung der Pflegenden. Die Folge: Laut DGB-Index „Gute Arbeit 2012/2014“ können sich 77 Prozent der Beschäftigen in der Gesundheits- und Krankenpflege nicht vorstellen, bis zur Rente arbeitsfähig zu sein. Auch der Krankenstand der Pflegekräfte liegt mit durchschnittlich 19,6 Tagen deutlich über dem Schnitt aller Beschäftigten mit 13,7 Tagen, so der TK-Gesundheitsreport 2013.

Angeführt wird die Statistik von Arbeitsausfällen durch psychische Erkrankungen. Gleichzeitig steigt auf der anderen Seite mit der Alterung der Bevölkerung der Bedarf nach professioneller Pflege. Das Bundesministerium für Gesundheit geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von heute 2,7 Millionen bis 2060 auf 4,7 Millionen steigen wird – unter der Annahme, dass die alters- und geschlechtsspezifischen Pflegequoten unverändert bleiben. Eine Entspannung der prekären Lage ist nicht in Sicht. Jogerst allerdings ist davon überzeugt: „Das muss nicht sein!

Herr Jogerst, ist Pflege in Deutschland zu teuer?

Eigentlich ist Pflege in Deutschland sogar relativ günstig. Die Frage müsste eher lauten: Warum gibt die Bundesrepublik Deutschland so wenig Geld für Pflege aus? Lediglich 0,15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes investiert Deutschland in die Pflege und liegt damit innerhalb Europas gemeinsam mit Staaten wie Bulgarien (0,14 %) auf den letzten Plätzen. Zum Vergleich: Schweden investiert 2,2 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes.

Ist das Bruttoinlandsprodukt der richtige Ausgabenvergleich?

Es ist sogar der einzig zulässige. Wir müssen unsere Löhne im Gesamtzusammenhang sehen. Das Bruttoinlandsprodukt bildet – unter Einbeziehung des Gesamtlohnniveaus – den Gesamtwohlstand einer Gesellschaft ab.

Warum kommen dennoch bei der Pflege auf den Einzelnen beziehungsweise die Familien so hohe Kosten zu?

Das liegt am System. Mit der Einführung der Pflegeversicherung haben wir ein System eingeführt, das zu viel finanzielle Verantwortung auf die Familien überträgt.

Was muss sich ändern, damit Pflege bezahlbar wird?

Wir werden nicht umhin kommen, entweder eine Pflegevollversicherung einzuführen oder eine echte Steuerfinanzierung. Es darf nicht sein, dass Menschen, die hart arbeiten, zum Teil ihre Familienplanung in spätere Jahre verschoben haben, nun auch noch bei der Pflege ihrer Angehörigen ausgebeutet werden.

Zumal die Leistungen für Menschen ohne jedes Einkommen sowieso über die Sozialhilfe kommen.

Stimmt. Es ist also doppelt ungerecht. Jede Sozialversicherung wurde eingeführt, um ein relativ hohes Risiko von den Schultern des Einzelnen zu nehmen und in der Gesellschaft zu kompensieren. Bei der Pflegeversicherung hat man uns vorgegaukelt, es wäre ein Erfolgsmodell. Das ist sie aber  nicht. Japan ist uns in der demografischen Entwicklung 15 Jahre voraus und hat eine ähnliche Versicherung eingeführt. In Japan bricht das System gerade zusammen. Es wäre sehr wichtig, uns das zu ersparen.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen einen echten Systemwechsel – weg von den Kranken- und Pflegekassen hin zu einer Bürgerversicherung und Einheitskasse.

Vielerorts wird auch über zu viel Bürokratie in der Pflege gesprochen. Wäre „weniger Bürokratie“ auch eine Lösung?

Weniger Bürokratie ist sicher eine Maßnahme, die bedacht werden muss. In der Pflege wird oft ein Problem identifiziert, das dann mit einer weiteren bürokratischen Regelung gelöst werden soll. Allerdings werden die eingeführten Maßnahmen dann nicht geprüft.  Die Frage nach dem Erfolg und dem Preis dafür, wird gar nicht gestellt. Letztlich kommen wir bei vielen Problemen immer wieder auf den Personalmangel zurück. Dieses größte Problem wird auch versucht, durch bürokratische Maßnahmen abzustellen. Das Arbeiten im Pflegebereich trägt oft kafkaeske Züge. Man kann sich nur wundern, wie wenig die Verantwortlichen die Gesamtzusammenhänge erkennen oder erkennen wollen. So werden  zum Beispiel Verordnungen zur Mindestbesetzung auf den Bereichen erlassen, ziehen aber keine Erhöhung der Personalschlüssel nach sich. 

Können Sie das genauer erklären?

Ein gutes Beispiel sind die Qualitätsprüfungen des medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Die Personalschlüssel geben die geforderten Maßnahmen überhaupt nicht her. So wird gefärbt, betrogen und zum Schluss haben alle Einrichtungen eine Eins. Niemand hat jemals geprüft, wie viel Personal zur Umsetzung aller dieser Forderungen notwendig wäre.

Thema Personalmangel. Sie haben es gerade angesprochen. Insbesondere im Bereich „Pflege“ haben wir einen großen Mangel an Fachkräften. Was muss sich ändern, damit mehr junge Menschen in die Pflege gehen?

Wir brauchen deutliche höhere Stellenschlüssel! Wir wissen seit langem, dass die Stellenschlüssel für die geforderte Leistung etwas 30 Prozent zu niedrig sind. Mit der Erhöhung der Stellenschlüssel wird das wahre Ausmaß des Pflegenotstandes deutlich. Aber erst dann können wir daran gehen, wieder junge Menschen in den Beruf zu holen. Wenn es so weiter geht, werden wir „gegen eine Wand fahren“ und das Auto dann wieder „fahrbereit“ zu machen, wird in jedem Fall teurer werden.

Aber nicht nur der Stellenschlüssel ist unrealistisch. Pflegekräfte werden zudem besonders schlecht bezahlt. Der Dienst an der Maschine ist den Deutschen mehr wert als der Dienst am Menschen. Warum ist das so?

Die Berufsgruppe der Pflegenden ist in Deutschland seit jeher schlecht organisiert. Viele fühlen sich von der Gewerkschaft ver.di nicht ausreichend vertreten und tatsächlich hat ver.di für die Pflege seit 20 Jahren eigentlich nichts erreicht. Die Bilanz des gewerkschaftlichen Engagements ist verheerend: Kaum Lohnsteigerungen und ständige Stellenkürzungen bei steigenden Anforderungen. Das ist das Rezept wie man Menschen aus dem Beruf treibt.

Was muss sich Ihrer Meinung nach diesbezüglich ändern?

Letztlich ist ein Eingriff in die Tarifautonomie und Selbstverwaltung hier unumgänglich. Die Kostenträger – Kranken- und Pflegekassen, Sozialhilfeträger – mauern bei nahezu jeder Verbesserung für Pflegende. Jüngst wurde eine Stellenschlüsselverbesserung, die die Arbeitgeber in Baden- Württemberg einforderten, wieder durch die Kostenträger boykottiert. Ich denke es wird nicht gehen, ohne dass die Politik hart durchgreift. Das würde aber bedeuten, mehr Geld ins System zu geben und den Kostenträger deutlich härtere Vorgaben zu machen. Eine Gewerkschaft nur für Pflegende wäre aber schon mal ein erster richtiger Schritt.