Maya Dähne: Vereinbarkeit ist kein Gefallen an Eltern und hat einen super ROI!

Bild zu famPLUS Magazin Beitrag
Bildnachweis
Maya Dähne, Foto: Hermann Bredehorst

Autorin Maya Dähne ist seit dem Erscheinen ihres Buchs „Deutschland sucht den Krippenplatz“ im vergangenen Sommer eine gefragte Expertin für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie lebte mit ihrem Mann und zwei Kindern bis 2007 in den U.S.A. – bei ihrer Rückkehr nach Deutschland konnte sie gar nicht anders, als die unterschiedlichen Lebensweisen von Familien mit berufstätigen Müttern zu vergleichen. Die Fragen stellte Christine Finke.

Frau Dähne, was bedeutet für Sie Vereinbarkeit?

Vereinbarkeit ist vor allem ein Problem – zumindest hier in Deutschland. Bei uns ist alles schwierig, anstrengend und eigentlich unmöglich. Klar ist es eine Herausforderung Kinder, Job und das bisschen Haushalt zu vereinbaren. Manchmal ist es auch ein Kampf. Aber was inzwischen bei jungen Leuten ankommt ist: Das Mutter-Dasein ist der blanke Horror, nichts geht mehr, wenn man ein Kind in die Welt setzt, das sollte man lieber sein lassen. Und das ist natürlich Quatsch!

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich enorm viel getan hat in Deutschland, Familien sind ständig auf der Überholspur unterwegs. Das liegt an den Ansprüchen, die vor allen Dingen Mütter an sich selbst stellen, die aber auch von der Gesellschaft an sie gestellt werden - und die wahnsinnig hoch sind. Vor 20-30 Jahren war man noch eine gute Mutter, wenn Küche und Kinder einigermaβen sauber waren. Heute sollen Frauen stets gut gelaunt, schlank und faltenfrei sein. Sie sollen erfolgreiche Karrierefrau, engagierte Mutter und liebende Ehefrau sein, eine Art Überfrau also. Und das schaffen die wenigsten.

Wo sollte man ansetzen, um die Situation zu verbessern?

Die Politik kann einiges tun und wichtige Impulse geben, wie zum Beispiel die 32-Stunden-Woche für Eltern, die Familienministerin Schwesig kürzlich ins Gespräch gebracht hat. Wichtig finde ich, nicht nur an der „Mütterschraube“ zu drehen, sondern auch die Väter mit ranzuziehen. Ich glaube, immer mehr Väter wollen das auch.

Junge Väter sehen sich nicht mehr nur als Ernährer, der das Geld ranschafft. Sie wollen mehr Zeit für und mit ihren Kindern haben. Statt Karriere um jeden Preis zu machen, sind ihnen familienfreundliche Arbeitszeiten wichtiger. Und weil in vielen Branchen Unternehmen händeringend Fachkräfte suchen, können sich gefragte Bewerber auch leisten, Betriebskitas, Home-Office-Tage und so weiter zu fordern. Die Arbeitgeber müssen Entgegenkommen zeigen. Das ist ein guter Hebel, um für Veränderungen zu sorgen.

Was kann jeder selbst tun?

Vereinbarkeit ist nicht etwas, was Politik und Wirtschaft alleine mit neuen Arbeitszeitmodellen, neuen Kinderbetreuungsmöglichkeiten herbeizaubern können. Daran muss jede einzelne Familie auch selber arbeiten. Ganz wichtig für Mütter: den eigenen Mann mit ins Boot holen. Vereinbarkeit ist nämlich keine Mütter-, sondern Elternsache!

In fast allen Familien, die ich kenne, ist es immer noch so: Sobald zuhause Krisenalarm ist, beispielsweise wenn ein Kind krank wird und beide Elternteile wichtige Termine haben, ist automatisch die Mutter diejenige, die alles organisiert. Entweder sie bleibt zuhause oder sie besorgt einen Notfallbabysitter. Der Job von Papa hat in den allermeisten Fällen Priorität. Vielleicht müssen Mütter auch mal klar sagen, dass Papa genauso zuständig ist. Er hat die Chance und die Pflicht, sich auch zu kümmern. Männer machen das ja nicht schlechter oder besser, sondern nur anders.

Warum sollen Arbeitgeber sich für Vereinbarkeit zuständig fühlen?

Weil das eine Triple-Win Situation ist! Alle profitieren davon: Eltern, Kinder, und die Firma; im Endeffekt die ganze Gesellschaft. Die Vorstellung, dass Arbeitgeber Eltern einen Gefallen tun, wenn sie Teilzeit erlauben oder einen Betriebskindergarten einrichten, ist Unsinn.

Firmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, sind nachweislich produktiver und wettbewerbsfähiger. Klar kostet es zunächst Zeit und Geld, Teilzeitmodelle anzubieten – auch für Chefs übrigens! Aber es lohnt sich. Der ROI, das haben Experten errechnet, liegt bei 1:3. Für jeden Euro, den sie investieren, sparen sie 3 Euro ein. Zufriedene und motivierte Mitarbeiter bleiben dem Unternehmen nämlich länger treu, sind leistungsfähiger und seltener krank. Familienfreundlichkeit ist also ein handfester Wettbewerbsvorteil!

Mit welcher politischen Maβnahme wäre den berufstätigen Eltern am schnellsten gut gedient?

Da fällt mir, auch wenn ich nicht an die EINE sofort hilfreiche Maβnahme glaube, spontan die 32-Stunden-Woche für beide Eltern ein. Mir schwebt allerdings eher ein Bündel an Maβnahmen vor. Es reicht nicht, wenn die Politik sich um Vereinbarkeit kümmert, das müssen Wirtschaft, Politik und Familien zusammen tun.

Denn Familienpolitik funktioniert einfach nicht wie ein Kaugummi-Automat, oben stecke ich etwas rein und unten bekomme ich das Gewünschte raus. Wer mehr Kinder haben will im Land und mehr berufstätige Mütter, muss auch mal etwas ausprobieren! Die Zeit dafür ist reif.


Erscheinungsdatum: 04.03.2014