Frauenquote in Deutschland?

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„Wenn bei einem solchen Treffen alle kurz vorm Einschlafen sind, muss ich nur „Frauenquote“ sagen, und es ist sofort Musik in der Bude“, kommentierte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen kürzlich in einem Interview gegenüber der Zeitschrift DER SPIEGEL die Stimmung, die das Thema bei Gesprächen mit Vertretern der Wirtschaft erzeugt. Das kann man sich gut vorstellen. Vor einigen Tagen hat von der Leyen gegenüber der Presse laut „Frauenquote“ gesagt und damit für viel Wirbel in Regierungskreisen und in den Medien gesorgt.



Wie kam es eigentlich dazu? War das Thema nicht vom Tisch, nachdem Bundesfamilienministerin Kristina Schröder mehrfach wiederholte, dass es mit ihr keine gesetzliche Regelung geben werde? Nun, vielleicht gab Frankreich mit seiner Einführung einer gesetzlichen Frauenquote am 14. Januar dieses Jahres den Ausschlag für Frau von der Leyen, das Thema anzugehen.

Vielleicht war es die Drohung von EU-Justizkommissarin Viviane Reding, eine gesetzliche Quote gegebenenfalls auf EU-Ebene einzuführen, sollten die Mitgliedstaaten nicht bis Ende 2011 nationale Lösungen finden. Oder waren es die Zahlen im aktuellen Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts der Wirtschaft (DIW) Berlin? Demzufolge hat die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft zur Erhöhung des Frauenanteils in den Top-Führungspositionen, die seit 2001 besteht, bis dato offensichtlich nichts gebracht. Mehr als 90 Prozent der 100 größten Unternehmen in Deutschland haben nicht eine einzige Frau im Vorstand. Bei den Top-200 Unternehmen sind lediglich 3,2 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt.



Doch egal was es war, Henrike von Platen, Präsidentin des BPW (Business and Professional Women) Germany, des größten Berufsnetzwerkes in Deutschland für Frauen, erläutert aus Ihrer Sicht, warum wir eine Frauenquote brauchen.

Frau von Platen, es gibt rund 42 Millionen Erwerbspersonen in Deutschland und gerade mal circa 1.600 Top-Positionen. Wieso wird um so wenige Stellen so viel Wind gemacht?

Henrike von Platen: Frauen kommen einfach nicht da hoch. Wir brauchen aber gerade in diesem Bereich, wo es so wenige Stellen gibt, eine Quote. Denn dann bekommen wir automatisch auch in den anderen Führungsbereichen mehr Frauen in die Positionen.



Demnach käme mit der Quote eine Art top-down-Prozess in Gang?

Henrike von Platen: Ja, das könnte man so sagen. Der Weg für mehr Frauen in Führungspositionen geht von oben nach unten.



Wieso brauchen wir dazu eine gesetzliche Regelung?

Henrike von Platen: Wir wären alle glücklich, wenn die Selbstverpflichtung greifen würde. Aber sie funktioniert schlicht nicht. Daher brauchen wir eine gesetzliche Regelung, bis eine kritische Masse erreicht ist, die sich von alleine leider nicht einstellt. Es muss normal werden, dass es in den Top-Positionen Frauen gibt. Das Gesetz ist jedoch kein Allheilmittel. Es muss nicht für immer und ewig gelten. Es soll lediglich den Anschub geben, um diese kritische Masse zu erreichen.



Was bringt das den Unternehmen?

Henrike von Platen: Eine starke Präsenz von Frauen in Spitzenpositionen ist nicht nur ein Gebot der Chancengleichheit, sondern eine entscheidende Stellschraube zur Verbesserung der Unternehmensführung und Unternehmenskontrolle. Alles redet von „diversity“. Frauen fallen bei diesem Thema jedoch häufig hinten runter. Es gibt alle Mischungen nach Nationalitäten, Qualifikationen und Berufserfahrung oder Alter. Nur bei Frauen funktioniert der Ansatz anscheinend nicht. Dabei ist nicht erst seit der Wirtschaftskrise bekannt, dass Diversität in Punkto Frauen zu mehr Innovation, zu mehr Risikobewusstsein und zu besserer Unternehmenskontrolle führt.



Wie beurteilen Sie das Argument von der Leyens, die deutschen Unternehmen könnten im internationalen Wettbewerb um die besten Frauen schlecht dastehen, wenn sich die Regierung mit der gesetzlichen Frauenquote noch lange Zeit lässt?

Henrike von Platen: Das ist ein interessanter Gedanke. Wenn nach Spanien und Frankreich nun auch noch Belgien, Finnland, Österreich und Schweden entsprechende Gesetze verabschieden, könnte es für einige Frauen durchaus reizvoll sein, für einen Top Job ins Ausland zu gehen. Allerdings gibt es genug hoch qualifizierte Frauen hierzulande. Die Unternehmen können gerne bei uns nachfragen.



Wie geht das jetzt wohl weiter mit der Quote?

Henrike von Platen: Wenn die Unternehmen keine gesetzliche Frauenquote wollen, müssen sie jetzt handeln. Zum Beispiel mit einer freiwilligen Quote auf Unternehmensebene, wie das die Telekom oder kürzlich auch Eon gemacht haben. Telekom will bis Ende 2015 alle Führungspositionen weltweit zu 30 mit Prozent Frauen besetzen. Der Energiekonzern Eon will den Anteil weiblicher Führungskräfte von derzeit elf auf mindestens 22 Prozent erhöhen.



Dann erübrigt sich ein Gesetz vielleicht doch?

Henrike von Platen: Das wird man sehen. Im Übrigen sollte man eine andere Formulierung als „Quote“ wählen. In Spanien zum Beispiel wurde nie von einer „Quote“ gesprochen. Dort ging es von Anfang an um eine gleichmäßigere Besetzung der Kontrollgremien mit einem Anteil von mindestens so und so viel Prozent des einen Geschlechts und maximal so und so viel Prozent des anderen.



Das Interview führte Dr. Lydia Hilberer.







famPlus Reader zum Thema des Monats:



Initiativen:

BPW Germany

Business and Professional Women (BPW) Germany ist mit 1.800 Mitgliedern eines der größten und ältesten Berufsnetzwerke für Frauen. 2008 initiierte das Netzwerk die Einführung des Equal Pay Day in Deutschland. BPW International ist in über 100 Ländern vertreten und hat Beraterstatus bei den Vereinten Nationen und beim Europarat.



FidAR – Frauen in die Aufsichtsräte e.V.#mce_temp_url#

FidAR ist eine überparteilige und überregionale Initiative zur nachhaltigen Erhöhung des Frauenanteils in den Aufsichtsräten deutscher Kapitalgesellschaften. Sie wurde gegründet von Frauen in Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.



 

Studien:

Das norwegische Experiment – eine Frauenquote für Aufsichtsräte

Friedrich Ebert Stiftung. Internationale Politikanalyse, Juni 2010



DIW-Managerinnen-Barometer 2010


Weiterhin kaum Frauen in Top-Gremien großer Unternehmen



Führungskräftemonitor 2010


Bericht über die Situation von Frauen und Männer in Führungspositionen in der Privatwirtschaft   2001 bis 2008.



Frauen kommen auf den Chefetagen nicht voran


IAB-Kurzbericht 6/2010. Zusammenfassung und Auswertung der repräsentativen Befragung von 16.000 Betrieben in Deutschland zu „Frauen in Führungspositionen“ in den Jahren 2004 und 2008. Teil des IAB-Betriebspanels. (IAB = Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).



IAB-Führungskräftestudie 2006


Erscheinungsdatum: 11.02.2011