Familie, Krippe oder Tagespflege?

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Eine Entscheidung zwischen gesellschaftlichen Normvorstellungen und den Bedürfnissen der eigenen Familie –

von Elisabeth Karnatz

Andere Länder – andere Sitten. So, wie in Deutschland jeder mit der Bezeichnung "Rabenmutter/-eltern" etwas anfangen kann, gilt es in Frankreich ganz im Gegenteil als Beschimpfung, wenn man als "Mutterglucke" bezeichnet wird. Nach den gesellschaftlichen Normvorstellungen unserer Nachbarn ist eine Betreuung vor dem dritten Lebensjahr außerhalb der Familie selbstverständlich.

Momentan erhalten die Gegner von Fremdbetreuung politischen Gegenwind. Bis zum Jahr 2013 soll bundesweit für jedes dritte Kind unter drei Jahren ein Betreuungsplatz vorhanden sein. Die Aufwendungen, um dieses Ziel zu erreichen, sind groß. Ein Sondervermögen in Höhe von 2,15 Milliarden Euro für Investitionen wurde geschaffen und Zuschüsse für die Betriebskosten der Krippen von 1,85 Milliarden Euro sind eingeplant. „Jetzt können die Angebote geschaffen werden, die sich die jungen Eltern vor Ort bereits seit Langem wünschen. Gute Betreuungsangebote für Kinder sind nicht nur ein immer wichtigerer Standortvorteil für jede Stadt und Gemeinde. Sie spielen auch eine Schlüsselrolle, wenn wir den Menschen Mut machen wollen, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen, wenn wir dauerhaft Kinderarmut reduzieren, ihre Teilhabe an frühkindlicher Bildung sichern und jungen Eltern die schwierige Balance zwischen Familie und Beruf erleichtern wollen“, so die ehemalige Familienministerin Ursula von der Leyen.

In den Diskussionen über die außerfamiliale Betreuung von Kindern unter drei Jahren werden von den Gegnern häufig Kritikpunkte wie die mögliche emotionale Belastung durch die zeitweilige Trennung von der Hauptbezugsperson angeführt. Ebenso wird befürchtet, dass das einzelne Kind durch fehlende dauerhafte Eins-zu-eins-Betreuung nicht optimal gefördert wird. Seltener wird darauf geschaut, welche Möglichkeiten und Chancen sich dem Kleinkind eröffnen, das regelmäßig mit anderen Kindern zusammen ist. Forschungsergebnisse zur Entwicklung von Beziehungen zwischen Kleinkindern geben dazu interessante Antworten: Bereits sehr junge Kinder zeigen gegenüber Gleichaltrigen ein deutlich anderes Verhalten als gegenüber materiellen Objekten. Babys unter einem Jahr versuchen, Gleichaltrige anzulächeln, sich ihnen zu nähern, Laute zu äußern und sie zu berühren. Ab dem zweiten Lebensjahr kann beobachtet werden, dass Kinder in betreuten Kleingruppen immer mehr Aufmerksamkeit den Gleichaltrigen als ihrer erwachsenen Bezugsperson widmen. Kinder können sich auch untereinander verständigen. Da sie die sprachlichen Fähigkeiten noch nicht besitzen, wählen sie andere Wege: Mimik, Gestik und Körperhaltung. Eine zentrale Rolle spielt das Nachahmen anderer Kinder. Man bietet dem Gegenüber ein Spielzeug an, um Kontakt aufzunehmen oder versucht, das andere Kind mit Schreien oder Händeklatschen auf ein besonderes Objekt hinzuweisen. Ein großer Vorteil der Interaktionen von Gleichaltrigen ist, dass diese gleichwertig sind. Beide Kommunikationspartner führen ähnliche Handlungen durch und haben eine ähnliche Rollenverteilung. In der Interaktion mit Erwachsenen besteht diese Symmetrie nicht.

Um Entwicklungsanregungen bei Kleinkindern zu schaffen, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Bevor sich Kinder unter drei Jahren gegenseitig bei der Entwicklung unterstützen können, müssen sie zu den betreuenden Erwachsenen eine stabile und sichere Bindung aufgebaut haben. Die betreuende Person muss ein feinfühliges und am Kind orientiertes Verhalten zeigen. Durch eine langsame Gewöhnung an die neue Umgebung und die Gewährleistung einer stabilen Betreuungssituation (kein Wechsel der Betreuungspersonen) wird der Aufbau einer sicheren Beziehung unterstützt. Auch die Kleinkindgruppe sollte in ihrer Gesamtzusammensetzung möglichst stabil sein, damit die Kinder Gelegenheit haben, die anderen Kinder als Sozialpartner gut kennenzulernen.

Qualität ist entscheidend

In den konträren Positionen der Befürworter und Gegner der Fremdbetreuung von Unter-Dreijährigen lässt sich eine Gemeinsamkeit finden: die Qualität der Betreuung. Es ist nicht primär die Form der Betreuung entscheidend, sondern vielmehr ihre pädagogische Qualität.

An welchen entscheidenden Kriterien können sich Eltern orientieren, wenn sie sich für oder gegen eine außerfamiliale Betreuung (Kinderkrippe, altersgemischte Einrichtung, Tagespflege) entscheiden? Dazu hat Martin Textor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik, die wichtigsten Punkte so deutlich herausgestellt, dass sie im Folgenden zitiert werden.

„Jedes unter dreijährige Kind braucht zwei oder drei verlässliche ,Bindungspersonen', also Menschen, zu denen es eine enge Beziehung aufbauen kann, die ihm Zuneigung und Liebe entgegenbringen, die seine Bedürfnisse einfühlsam erkennen und befriedigen. Dies können Eltern, Verwandte oder konstante Betreuer/innen sein.

Das Kleinkind sollte in einem ,Sprachbad' aufwachsen; die Betreuungspersonen sollten seine und ihre Aktivitäten mit Worten begleiten, es immer wieder direkt ansprechen. Sie müssen außerdem fähig sein, sich auf seine begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten einzustellen. 

Das Kind sollte allseitig gefördert werden, also z. B. Möglichkeiten für vielfältige Sinneserfahrungen, für eine selbständige Bewegungsentwicklung, für das Erkunden von Innen- und Außenräumen (Spielplatz, Garten, Park, Wald), für kreative Betätigungen und für soziale Kontakte haben. Es benötigt viele Anregungen für seine kognitive Entwicklung. Seine individuellen Neigungen, Interessen und Bedürfnisse sollten beachtet werden. 

Besonders wichtig ist ausreichend Zeit für das Freispiel - alleine oder mit einigen wenigen anderen Kindern - mit vielfältigen altersgemäßen Materialien.“ (Quelle: www.kindergartenpädagogik.de)

 

Verantwortung bei der Auswahl

Eltern, die ihr Kind nicht innerhalb der Familie betreuen, sollten die Angebote in ihrer Stadt genau prüfen und konkret nach Kriterien, die auf qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit hindeuten, suchen. Wie ein Kind letztlich betreut und gebildet wird, liegt in der Verantwortung der Eltern. Wenn Eltern ihr Kind während der Fremdbetreuung aufmerksam und feinfühlig in seiner Entwicklung begleiten, werden sie es bemerken, wenn die außerfamiliale Betreuung für das Kind zu früh oder im Ganzen unpassend ist. Grundsätzlich ist aber anzumerken, dass die Fremdbetreuungszeiten umso kürzer sein sollten, je jünger ein Kind ist.

 

Literatur

Rauh, H. (1985). Soziale Interaktion und Gruppenstruktur bei Krabbelkindern. In Eggers, Ch. (Hrsg.). Bindungen und Besitzdenken beim Kleinkind. München: Urban & Schwarzenberg, 204-232.

Viernickel, S. (2000). Spiel, Streit, Gemeinsamkeit. Einblicke in die soziale Kinderwelt der Zweijährigen. Verlag Empirische Pädagogik: Landau.

Whaley, K.L. & Rubenstein, T.S. (1994). How toddlers "do" friendship: a descriptive analysis of naturally occuring friendships in a group child care setting. Journal of Social and Personal Relationships, 11, 383-400.

Youniss, J. (1994). Soziale Konstruktion und psychische Entwicklung. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Links

www.kindergesundheit-info.de

www.kinderpädagogik.de

Elisabeth Karnatz (*1983) studierte Erziehungswissenschaft, Sprechwissenschaft/Phonetik und Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die frühkindliche Bildung und Erziehung. Derzeit arbeitet sie an ihrer Promotion zu einzelnen Aspekten vorschulkindlicher Entwicklung im internationalen Vergleich. 
Im famPlus.de-Magazin und im Ratgeber gibt sie fachliche Einblicke in unterschiedliche pädagogische und psychologogische Themengebiete. Ebenso kommentiert sie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und hilft damit Eltern, sich zu orientieren.

 


Erscheinungsdatum: 02.07.2010