Experteninterview: Familienbewusste Personalpolitik

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Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird allerorten diskutiert. Doch wie können Unternehmen ihre Personalpolitik familienbewusst entwickeln? Darüber sprach Julia Gänzler von famPlus mit Silke Luinstra, Auditorin für das von der Hertie-Stiftung initiierte audit berufundfamilie.

Frau Luinstra, weshalb sollten Unternehmer und Personalverantwortliche sich überhaupt dem Thema „Beruf und Familie“ widmen?

Silke Luinstra: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind engagierter und motivierter, wenn sie Beruf und Familie in Einklang bringen können. Und eine engagierte Belegschaft macht den Unterschied. Sie erzielt bessere Arbeitsergebnisse, hilft, Kosten zu senken, ist ein Plus für Produktivität und Kundenbindung. Wenn Vereinbarkeit gelingt, sinken ferner Stress und Belastung – und damit die Krankheitsquote. Und qualifizierte Fachkräfte mit Familie wollen beides – Karriere machen und ihre Familienverantwortung wahrnehmen. Sie werden sich künftig noch gezielter für Unternehmen entscheiden, die sich familienbewusst ausrichten.

Sie meinen vor allem die Mütter, die nach der Geburt ihres Kind ihren beruflichen Weg fortsetzen möchten?

Luinstra: Ja, das ist natürlich ein großes Thema. Frauen, besonders die hoch qualifizierten möchten sich nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden. Und sie möchten auch als Mütter verantwortungsvolle Jobs machen. Zunehmend fordern jedoch auch Väter Vereinbarkeit ein. Sie möchten am Heranwachsen ihrer Kinder teilhaben und ihre Verantwortung wahrnehmen. Nicht zu vergessen, auch all‘ die Menschen, die Angehörige pflegen. Auch hier geht es um Vereinbarkeit, das ist häufig noch gar nicht so im Blick.

Welchen Beitrag leistet das audit bei der Etablierung und Weiterentwicklung einer familienbewussten Personalpolitik?

Luinstra: Das audit berufundfamilie ist als ein strategisches Managementinstrument konzipiert. Familienbewusste Personalpolitik ist ein fortlaufender Prozess, der den sich ändernden Bedürfnissen von Unternehmen und Mitarbeitern Rechnung trägt. Deswegen ist das Audit keine statische Beurteilung eines Status Quo, sondern eine Unterstützung eines strategischen Prozesses. Das Zertifikat zum audit berufundfamilie ist ein anerkanntes Qualitätssiegel, das Arbeitgebern eine hohe Kompetenz im Einsatz für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bescheinigt. 

Wie läuft so ein audit ab?

Luinstra: Zunächst legt die Geschäftsleitung gemeinsam mit einem berufundfamilie-Auditor in einem Strategieworkshop die Ziele und Schwerpunkte der Auditierung fest. Daran schließt sich ein Auditierungsworkshop mit Vertretern unterschiedlicher Betriebsbereiche und Hierarchieebenen an: Die Teilnehmer ermitteln die gegenwärtigen betrieblichen Rahmenbedingungen für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die bereits vorhandenen Angebote. Entlang der acht Handlungsfelder des audit berufundfamilie legen sie die unternehmensspezifischen Ziele fest und entwickeln weiterführende Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Auditierung mündet in die Vereinbarung konkreter Ziele und Maßnahmen. Sie ist in der Regel nach drei bis vier Monaten abgeschlossen. 

Können Sie Beispiele für die Handlungsfelder geben? 

Luinstra: Das sind zunächst einmal Arbeitszeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsort. Darunter fallen z.B. flexible Arbeitszeiten, familienbewusste Besprechungszeiten und auch das HomeOffice. Viele Arbeitgeber bieten hier schon etwas an, doch häufig sind es einzelne Maßnahmen oder individuelle Absprachen. Im Verlauf des Audit werden hier bei vielen Unternehmen werden diese Einzelmaßnahmen strategisch verbunden und weiter entwickelt. Ein sehr zentrales Handlungsfeld ist „Führung“. Hier geht es darum, Führungskräfte für eine familienbewusste Führung zu sensibilisieren und zugleich deren eigene Vereinbarkeit im Blick zu haben. 

Und wie steht es mit Kinderbetreuung und Angeboten für Menschen mit Pflegeverantwortung?

Luinstra: Das fällt in der Regel in das Handlungsfeld: „Service für Familien“. Dort schauen wir, welche Bedürfnisse es im Unternehmen gibt: Sind viele kleine Kinder zu betreuen? Eher Schulkinder? Danach wird die passende Form der Unterstützung ausgewählt – von Informationen zum Kita-Angebot vor Ort über Tageselternpools, Hausaufgaben- oder Ferienbetreuung bis hin zur betriebseigenen Kita. Im Hinblick auf Pflege kann es ebenfalls eine Zusammenstellung von Informationen sein, aber auch Seminare und Austauschforen für Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen.

Wie können Unternehmen einen Einstieg in das Thema familienbewusste Personalpolitik finden? 

Luinstra: Sie finden auf der Website www.beruf-und-familie.de viele Informationen, darunter auch kostenlose Publikationen. Darüber hinaus bietet die berufundfamilie Akademie Seminare rund um das Thema an. Arbeitgeber, die sich zum audit entschlossen haben, haben ferner Zugang zum Netzwerk aller auditierten Unternehmen. Das ist ein sehr umfangreicher Ideenpool, es sind insgesamt rund 1000 Unternehmen und Institutionen zertifiziert.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 


Erscheinungsdatum: 31.01.2012