Ein Dorf für Demenzkranke - Wohnform der Zukunft?

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Anlage Tönebön am See für Demenzkranke

Ein Supermarkt, in dem man mit Taschentüchern oder Keksen bezahlen kann, eine Cafeteria und eine gemeinsame Küche, Grünfläche und ein Sinnesgarten inmitten mehrerer Wohnhäuser mit Wohngemeinschaften, in denen die Bewohner die Zimmer nach ihrem Geschmack einrichten können und nicht dem Stundeplan eines Pflegeheimes unterworfen sind – bis zu diesem Punkt finden eigentlich alle das Projekt „Alzheimerdorf“ gut.

Woran sich die Geister allerdings scheiden, ist der Zaun rund um die Anlage in der Nähe von Hameln. Eingesperrt seien die Bewohner dort, sagen Kritiker. Beschützt vor sich selbst, entgegnen Befürworter dieser neuen Wohnform.

Denn Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium sind schwer zu beaufsichtigen: Oft haben sie den Drang, die Gegend zu erkunden oder wegzulaufen, sind dann aber orientierungslos und gehen verloren wie kleine Kinder, was auch den Erkrankten selbst ab einem gewissen Punkt ängstigt und für ihn gefährlich werden kann. Ob eine Wohnanlage für Demente mit Einzäunung für den pflegebedürftigen Elternteil das Richtige ist, können und müssen die Angehörigen nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, und die sind fast ausschließlich begeistert.

Gesundheitlich und auch seelisch profitieren die Bewohner einer Siedlung, die speziell auf Demenzerkrankte zugeschnitten ist. Denn im normalen Pflegeheim sind weder die Pfleger auf schwer Demente vorbereitet noch ist die Umgebung für den Erkankten selbst angenehm. Nicht selten erhalten die Dementen Medikamente, die sie beruhigen sollen, um den Alltag im Pflegeheim reibungsloser zu gestalten – eine sehr zwiespältige Angelegenheit, besonders im Vergleich zu den beeindruckenden Zahlen über längere Lebensdauer und bessere Lebensqualität im Demenzdorf.

Was in Holland als Modellprojekt bereits seit über 5 Jahren mit breiter Akzeptanz läuft, fasst nun auch in Deutschland langsam Fuß: Ähnlich wie in dem niederländischen Demenzdorf Hogeweyk wohnen seit März 2014 in der Einrichtung Tönebön am See gut 40 an Demenz erkrankte Menschen. Verglichen mit dem holländischen Demenzdorf ist es eine kleine Anlage – sie ist für 52 Bewohner ausgelegt, während in Hogeweyk 153 pflegebedürftige Menschen untergebracht sind.

Das deutsche Pflegeheim mit Dorfcharakter ist mit knapp 11.000 Quadratmetern so groß wie ein Fußballfeld, es wird begrenzt von einem schulterhohen Maschendraht, und alle Pfleger sind auf Demenz spezialisiert. Die Kosten der Unterbringung liegen nur 200 € über denen des herkömmlichen Pflegeheims, das Dorf ist strukturiert in 4 Wohnhäuser, und dort in WGs mit jeweils bis zu 13 Bewohnern. Jeder hat ein eigenes Bad und kann sein Zimmer nach eigenen Vorstellungen einrichten, eine Grundmöblierung ist vorhanden. Angenehm und familiär sei die Atmosphäre, loben Angehörige das neue Konzept, und sie sind durch die Bank froh, ihre pflegebedürftigen Eltern so gut aufgehoben zu wissen.

Eine Scheinwelt sei das, und die Leute würden verarscht, sagen die Gegner des Modellprojekts, darunter auch ein namhafter Soziologe, der sich auf die Themen Demenz und Altern spezialisiert hat: "Alte, kranke Menschen werden einfach ausgelagert, das wirkt wie eine Art Aussätzigendorf", kritisiert Professor Reimer Gronemeyer. Für ihn ist diese Wohnsituation vergleichbar mit der „Trueman-Show“.

Diese Sichtweise finden Angehörige, Pfleger und die Heimleitung absurd. Solange es den Demenzkranken gut gehe, diese von der Zuwendung und der auf sie spezialisierten Pflege profitieren, sei nichts gegen diese neue Wohnform einzuwenden, im Gegenteil. Die Erkrankten leben sowieso in ihrer eigenen Welt, sagt eine Angehörige. Sollten man sie dann nicht einfach so unterbringen, wie es ihrem Weltbild entspricht?

In der Zukunft werden Senioren dies selbst mit ihren Kindern besprechen können, solange sie geistig noch fit sind. Diejenigen, die nun im Demenzdorf wohnen, konnten das nicht. Aber so wird es nicht bleiben. Von momentan geschätzt 1,4 Millionen Demenzkranken in Deutschland wird sich bis 2050 auf 3 Millionen verdoppeln. Und das sind nur jene, die dann rund um die Uhr Pflege benötigen. Wir tun also gut daran, uns Gedanken über zukünftige Wohnformen zu machen.

Demenzdorf in Holland: http://www.welt.de/gesundheit/article122816427/Das-Dorf-in-dem-alle-Bewohner-demenzkrank-sind.html

Deutschlands erstes Demenzdorf: http://www.sueddeutsche.de/leben/deutschlands-erstes-demenzdorf-eingezaeunte-freiheit-1.2116704

Homepage der Demenzanlage Tönebön am See bei Hameln: http://www.toeneboen-stiftung.de/pflegeheim/toeneboen-am-see/konzept.htm


Erscheinungsdatum: 06.02.2015