Bei den Amerikanern zählen die Ergebnisse – Leiterin der Finanzabteilung mit 30 Wochenstunden

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Die Ausgangssituation

„Geplant war Lina* nicht, aber total willkommen.“ Als Claudia E. mit 41 Jahren ihr erstes Kind erwartete, war sie bereits ziemlich weit auf der Karriereleiter empor gestiegen: Bis zur Leiterin der Finanzabteilung Europa eines globalen Konzerns mit über 15.000 Mitarbeitern hatte sie es gebracht.

„Zum Glück hatte ich den Job schon zwei Jahre gemacht, als ich schwanger wurde“, stellt Linas Mutter fest, und berichtet, wie sie ihren Chef in den U.S.A. gleich im zweiten Monat der Schwangerschaft darüber aufklärte, dass sie demnächst für 9 Monate fehlen würde. „Ich habe ihm erzählt, was man in Deutschland so für Rechte hat und wie das normalerweise gemacht wird. Da war er schon ein bisschen erschrocken.“ Im gleichen Atemzug jedoch präsentierte Claudia eine bis ins Detail durchgeplante Lösung für ihren Mutterschutz und die 6 Monate Elternzeit, die sie nehmen wollte.

Der Lösungsansatz

Ihr Vorschlag, dass sie eine Vertretung einarbeiten würde (eine ausgewählte Kollegin hatte sie schon im Hinterkopf), die dann gegebenenfalls nach dem Ende der Elternzeit als ihre Mitarbeiterin erhalten bleiben könne, wenn das Auftragsvolumen dies erfordere, stieβ bei ihrem Chef sofort auf Akzeptanz: „Er war froh, dass ich gleich eine Lösung parat hatte und mich um alles kümmerte. Bei den Amerikanern ist es so, dass Ergebnisse zählen. Ich habe gleich am Anfang der Schwangerschaft abgestimmt, wann ich nicht da bin und wann ich wiederkomme.“

Elternzeit: vorher - nachher

Vor der Elternzeit arbeitete die heute 47-Jährige Vollzeit, danach wollte sie gerne mit 30 Stunden weitermachen. „Finanziell war das für mich nicht optimal, aber für die Firma und mich war Planbarkeit wichtig. Und heute ist meine damalige Vertretung tatsächlich meine Mitarbeiterin. Wir sind ein gutes Team“, beschreibt Claudia zufrieden die von ihr eingefädelte Situation.

Die 30 Arbeitsstunden legt die Leiterin der Finanzabteilung ganz bewusst nicht auf nur 4, sondern 5 Wochentage. „So bin ich in der Kernzeit immer erreichbar. Und ich trage auch nicht so gerne vor mir her, dass ich ein Kind habe. Wenn ich mal Terminschwierigkeiten habe, an einer Videokonferenz teilzunehmen, dann sage ich einfach, ich hätte ‚other commitments’.“ Und rein faktisch sei es so, dass sie nach der Geburt von Tochter Lina wesentlich mehr Überstunden angesammelt habe als vorher, stellt Claudia fest. Damit bestätigt sie eine Erfahrung, die viele Chefs machen: Eltern sind sehr motivierte, engagierte Mitarbeiter.

Der Wiedereinstieg

Tochter Lina besucht, seitdem sie 11 Monate alt ist, eine Krippe. „Die letzten drei Monate vor dem Krippenbesuch hat mein Mann Elternzeit genommen und auch die Eingewöhnung mit Lina gemacht, während ich wieder arbeitete“, beschreibt Claudia den Prozess des Wiedereinstiegs.

Dass Vater Thomas* die gemeinsame Tochter ebenso wie sie von der Krippe abholte und brachte, war ebenso praktisch für die junge Familie wie das Einverständnis von Claudias Arbeitgeber, dass sie nun 4 Tage pro Woche im Home Office arbeiten kann, während sie anfangs jeden Tag ins Büro fuhr. „Es wäre sonst einfach zu unpraktisch gewesen, ich hätte zu viel Zeit mit Pendeln verbracht. Mein Büro in der Firma ist über eine Stunde pro Strecke entfernt“, erklärt Linas Mutter.

Für sie und den Arbeitgeber funktioniert diese unkonventionelle Lösung bestens. Heikel wurde es nur kurz an dem Punkt, als die Elternzeit offiziell endete und die Firma Claudia gerne mit 40 Stunden wieder voll dagehabt hätte, was sie aber nur ungerne gemacht hätte. „Ich habe dann erstmal abgewartet und den richtigen Moment abgepasst, um mit meinem Vorgesetzten zu besprechen, ob ich bei den 30 Stunden bleiben kann."

Das Erfolgsrezept

"Mein Erfolgsrezept ist glaube ich, dass ich ganz gut einschätzen kann, wann was angebracht ist“, analysiert die Leiterin der Finanzabteilung ihr Vorgehen. Heute ist Lina 6 Jahre alt und hat Eltern, die Beruf und Familie gut in Einklang bringen.

Das einzige, was Claudia E. noch fehlt zum Glück, wäre etwas mehr gemeinsame Familienzeit, sagt sie. Da beide Eltern relativ viel arbeiten, müssen sie sehr gut planen, auch was Ferien und Schlieβzeiten der Kita betrifft. „An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich verbringe die Hälfte der Arbeitszeit mit Koordinieren“, sagt Claudia überspitzt. „Aber immerhin hat Lina noch rüstige Groβeltern, die nicht allzu weit weg wohnen. Die allerdings auch gerne verreisen, wie mein eigener Vater.“

Grundsätzlich, so resümiert die 47-Jährige höchst zufrieden, arbeite sie sehr selbstbestimmt bei groβer Freiheit: „Das funktioniert sehr gut für mich. Und für die Firma auch. Wie gesagt, bei den Amerikanern zählen die Ergebnisse.“


Erscheinungsdatum: 18.03.2014