Kreislauf des Lebens – Wenn Eltern plötzlich Hilfe brauchen

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Auf einmal ist er da. Der Moment, den wir unser Leben lang nicht für möglich gehalten hätten: Unsere Eltern sind alt geworden. Was können erwachsene Kinder tun, um zu helfen? Und was, wenn das gar nicht erwünscht ist? Wir geben Rat.

 

 

 

 

 

 

 

„Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, euch Hilfe zu suchen?“

So könnte der Beginn eines Gespräches lauten, welches erwachsene Kinder und ihre Eltern vor große, emotionale Herausforderungen stellt. Denn bei diesem Gespräch muss ausgesprochen werden, was oftmals keiner so recht wahrhaben will: Die eigenen Eltern sind alt geworden. Und plötzlich können sie nicht mehr alleine. Was, wenn das so ist und alle es sehen – nur die eigenen Eltern nicht? Wir helfen weiter!

 

Der Umstand, der sich einstellt, wenn Eltern alt werden, ist nur schwer zu akzeptieren: Waren es nicht immer unsere Eltern, die uns den Weg gezeigt haben? Waren sie es nicht, die uns gezeigt haben, wie wir dieses und jenes schaffen? Waren sie nicht immer für uns da, wenn wir nicht mehr weiterwussten? Es fällt schwer, sie gebrechlich vor uns sehen. Angreifbar. Hilflos. Irgendwie nicht mehr Herr ihrer Selbst. Und manchmal nicht mehr Herr ihrer Sinne.

 

Auf einmal sind wir diejenigen, die Verantwortung zeigen und uns kümmern müssen. Dieser Rollenwechsel scheint so unnatürlich. Und doch ist er Teil des Fahrplans, den der Kreislauf des Lebens für uns bereithält.

 

„Ich weiß, ihr habt es immer so gemacht, wie jetzt. Aber ganz ehrlich, fällt euch nicht auch auf, dass es schwieriger wird?“

Wir wissen aus unseren Beratungsgesprächen, dass den allermeisten erwachsenen Kindern sehr daran gelegen ist, ihren Eltern zu helfen. Doch es gibt Hürden. Nicht nur, dass manchmal hunderte Kilometer zwischen Eltern und Kindern liegen können. Es muss auch die Einsicht und damit die Bereitschaft zur Kooperation der Eltern gegeben sein. Doch was, wenn diese die Sache anders sehen und nicht wollen? 

 

„Was würdet ihr euch eigentlich wünschen, solltet ihr irgendwann mal nicht mehr so können, wie ihr gerne wolltet?“

Wir empfehlen, generell so früh wie möglich in der Familie über das Thema zu sprechen. Werden Sie aktiv in der Prävention, damit Sie und auch Ihre Eltern, wissen, was zu tun ist, wenn es so weit sein sollte. Es ist einfacher über Verluste, Abschiede, Endlichkeit und Maßnahmen zu reden, wenn es nicht akut ist. Sie und Ihre Eltern befinden sich dann auf Augenhöhe – und das ist eine sehr viel angenehmere Basis, um über unangenehme Themen zu sprechen. 

 

Sprechen Sie ganz offen über Haushalthilfen und Alltagsbetreuung, über eine Pflege zuhause oder stationär, über alternative Wohnformen im Alter wie zum Beispiel Senioren-WGs, Pflegeheime oder Altersheime. Sprechen Sie auch über heikle Fälle, die eintreffen könnten: Was wollen und sollen wir im Falle einer Demenz unternehmen? Und möglicherweise wollen Sie sogar besprechen, wie Ihre Eltern es sich wünschen würden, auf deutliche Hinweise des Alterns angesprochen zu werden. Entscheiden Sie gemeinsam, wie konkret Ihre Pläne aussehen.

 

Wichtig: Denken Sie daran, ggf. Pflegeverfügungen und Vollmachten auszustellen, damit zu gegebener Zeit auch rechtlich alles geklärt ist.

 

„Ich höre, dass ihr das nicht möchtet. Und das ist ok. Ich möchte euch nur wissen lassen, dass ich für euch da bin, solltet ihr euch anders entscheiden.“

Es ist keine Seltenheit, dass präventive Absprachen fehlen. Wenn es dann aber doch soweit ist und die Eltern Hilfe gebrauchen können, diesen Umstand aber nicht wahrhaben wollen, kann es zu richtigen Kämpfen kommen. Falls auch Ihre Eltern sich stur stellen, sei Ihnen ans Herz gelegt: Es ist trotz allem wichtig, die Autonomie der Eltern nicht zu untergraben. Zumal man Menschen zu nichts zwingen kann. Auch wenn die Eltern sich unserer Ansicht nach wie Kinder verhalten, ist es immer noch ihre Entscheidung. Lassen Sie ihnen ihre Selbstbestimmtheit, wenn sie partout nicht wollen. Bieten Sie Ihre Hilfe an und versichern Sie Ihren Eltern, dass Sie da sind, wenn Sie gebraucht werden. Dabei muss es wohl vorerst bleiben.

 

„Das geht so nicht mehr weiter. Das ist Fakt. Jetzt ist Schluss.“

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem sie durchaus eingreifen dürfen und auch müssen: Wenn die Senioren sich oder andere gefährden. Zum Beispiel im Straßenverkehr oder bei aggressivem Verhalten. Dann ist es sinnvoll, über weitergehende Schritte nachzudenken. Sollte Ihr Anliegen, zu helfen, dann vollends auf Widerstand treffen, muss die Entscheidung das Amtsgericht fallen. Das Urteil könnte dann zur Einweisung ins Krankenhaus oder zur Unterbringung in ein Pflegeheim führen. Ganz klar, eine Zwangseinweisung ist die Ultima Ratio. Aber in solchen und ähnlichen Fällen ist Vernunft gefragt. Punkt.

 

7 Tipps für ein friedvolles Vorgehen:

  1. Erst denken, dann handeln: Überlegen Sie sich vorher, wie sie’s ansprechen möchten und welche Argumente Sie auf den Tisch bringen.
  2. Familienmitglieder miteinbeziehen: Sprechen Sie auch mit Ihren Geschwistern – am besten noch, bevor Sie mit Ihren Eltern sprechen.
  3. Konkret werden: Bringen Sie schon eine konkrete Lösung als Option für Ihre Eltern mit.
  4. Aus der Ferne behutsam agieren: Wenn Sie weiter weg wohnen, sich selten sehen und generell wenig Kontakt haben, bemühen Sie sich vorher darum, eine Bindung aufzubauen. Rufen Sie regelmäßig „nur mal so“ an.
  5. Beschreiben statt bewerten: Sagen Sie statt „Hier ist es total schmutzig“ „Mir fällt auf, dass dein Bad lange nicht mehr gewischt wurde“.
  6. Häppchenweise portionieren: Bringen Sie nicht gleich die volle, schmerzhafte Wahrheit auf den Tisch, um nicht zu überfordern. Gehen Sie etappenweise vor. 
  7. Gemeinsam Lösungen finden: Fragen Sie Ihre Eltern, was sie sich wünschen würden und geben Sie Ihnen Zeit und Gelegenheit, sich auch zu informieren. Aber Achtung – aufgeschoben heißt nicht aufgehoben!

 

Fazit: Wenden Sie sich dem Thema so früh wie möglich zu. Am besten dann, wenn es noch nicht akut ist. Sollte es aber schon soweit sein, sprechen Sie behutsam mit Ihren Eltern darüber und beziehen Sie sie in Prozesse sowie in Entscheidungen mit ein. Bei Ablehnung ist Akzeptanz gefragt. Außer, wenn der Zustand zur Gefahr wird. Dann sollten Sie eingreifen.

 

Sie wünschen sich Unterstützung zu dem Thema? Ob es um erste Schritte, Formulare, Pflegelösungen oder Kranken- und Pflegeversicherung geht: Kontaktieren Sie uns. famPLUS steht Ihnen gerne zur Seite!

 

von Jana Lorenz


Erscheinungsdatum: 31.08.2020